Oderbruch · Januar–März 1945

Als die Oder-Ostfront wurde – Kämpfe im Oderbruch 1945

Wie sich die Front im Winter 1945 dorfweise entlang der Oder festsetzte – von Kienitz über Küstrin und Reitwein bis nach Wriezen, erzählt nach Augenzeugenberichten und Feldpostbriefen.

Am 12. Januar 1945 tritt die sowjetische Weichsel-Oder-Offensive an, und binnen weniger Wochen liegt die deutsche Ostfront in Trümmern. Schon Ende Januar erreichen sowjetische Vorausabteilungen die zugefrorene Oder und überschreiten sie fast gleichzeitig an mehreren Stellen – bei Kienitz, um Küstrin und bei Reitwein. Aus dieser achtteiligen Videoreihe erzählt dieser Artikel, wie sich die neue Front in den ersten Februartagen 1945 Dorf für Dorf festsetzte, bevor sie Mitte April zum Ausgangspunkt der Schlacht um die Seelower Höhen wurde.

Die sowjetische Winteroffensive erreicht die Oder

12. bis 31. Januar 1945 – der Durchbruch bis zum Fluss

Als die sowjetische Winteroffensive am 12. Januar 1945 aus den Baranów-Brückenköpfen begann, ahnte kaum jemand, wie schnell die Rote Armee die Oder erreichen würde. Vorherige Warnungen des deutschen Generalstabs vor der sowjetischen Bereitstellung hatte Hitler als Bluff abgetan; die bereitgestellten deutschen Kräfte waren dementsprechend viel zu gering, um die Offensive ernsthaft abzuwehren. Die sowjetischen Verbände durchbrachen die deutsche Front rasch und erreichten fast ohne Widerstand die Oderlinie. Frankfurt (Oder) und Küstrin wurden zur Festung erklärt; ein Vorstoß östlich Frankfurts scheiterte zwar bei Kunersdorf, doch beiderseits Küstrins gelang es den Sowjets, die zugefrorene Oder zu überschreiten.

In der Nacht zum 31. Januar 1945 setzen als Erste Soldaten einer Vorausabteilung der 5. Stoßarmee bei Kienitz, rund 15 Kilometer nordwestlich von Küstrin, über den gefrorenen Fluss. Die Oder trägt nach tagelangem Frost eine Eisstärke von 25 bis 40 Zentimetern. Die Bevölkerung wird völlig überrascht; 76 Soldaten einer dort liegenden Luftabwehrschule geraten ohne Gegenwehr in Gefangenschaft. Ein Versuch, auch Panzer über das Eis zu bringen, scheitert – es bricht ein. Bis zum Abend wächst der Brückenkopf auf vier Kilometer Breite und zwei Kilometer Tiefe; ein zweiter entsteht acht Kilometer nordwestlich von Küstrin, ein dritter am folgenden Morgen bei Groß Neuendorf. Die Ereignisse zeigen: Der Heeresgruppe Weichsel gelingt es an keiner Stelle, eine geschlossene Verteidigungslinie an der Oder aufzubauen – ein Versäumnis, das sich in den folgenden Wochen bitter rächen wird.

Eine Kartenanimation im Video zeigt, wie schnell sich die sowjetischen Speerspitzen im Januar 1945 auf das Oderbruch zubewegten, und ordnet die Ereignisse in die damalige Berichterstattung des Oberkommandos der Wehrmacht ein.

Küstrin: Panzerschlacht in der Altstadt

31. Januar 1945 – Panzerfäuste gegen die ersten sowjetischen Spitzen

Am Nachmittag des 31. Januar, gegen 14 Uhr, erreichen mehrere sowjetische Panzer den nördlichen Stadtrand von Küstrin. Ein Teil dreht seine Türme zur Testfabrik und eröffnet das Feuer auf die mit Flüchtlingen verstopfte Drewitzer Straße; ein Panzer kippt beim Rangieren in einen Wiesenweg um, seine Besatzung flüchtet zu Fuß. Kurz darauf durchbricht ein Trupp von fünf sowjetischen Panzern über die Schlaterstraße in die Stadt. Auf beiden Straßenseiten liegen Soldaten des Panzergrenadierbataillons 50 in Deckung; am Hauptbahnhof der Neustadt drängen sich gerade erst eingetroffene Männer der 25. Panzergrenadierdivision mit Panzerfäusten in der Hand durch den überfüllten Bahnsteig. In der Plantagenstraße gelingt es ihnen, einen amerikanischen Panzer ausländischer Herkunft mit einer Panzerfaust im Heck zu treffen; ein zweiter, ein Valentin Mark III, wird ebenfalls getroffen, seine Besatzung von einer Gruppe um Unterleutnant Erich Brücke gefangen genommen. Die beiden verbliebenen sowjetischen Panzer fliehen nach Norden aus der Stadt und schießen sich ihren Weg durch Flüchtlingstrecks und heraneilende deutsche Soldaten frei.

Unteroffizier Günther Schrickel vom Panzergrenadierbataillon 50 schreibt seiner Frau am 7. Februar 1945 aus Küstrin einen Feldpostbrief, der auf genau diese Kämpfe Bezug nimmt: Seine Kompanie meldet 25 gezielte Abschüsse und neun vernichtete Panzer. Zugleich schildert er, wie jung und unerfahren die nachrückenden Rekruten sind.

„Es ist ein verdammt komisches Gefühl, wenn es so von allen Seiten schießt … Weiter habe ich natürlich auch schon einige sehr liebe Kameraden verloren.“

Den vollständigen Feldpostbrief Günther Schrickels liest das Video in ganzer Länge vor, dazu Aufnahmen der heutigen Küstriner Altstadt an den Originalschauplätzen.

Groß Neuendorf und Kienitz: Der erste Brückenkopf

28. Januar bis 1. Februar 1945 – zwei Augenzeugen aus Nachbardörfern

Rund 16 Kilometer nordöstlich von Küstrin liegen Groß Neuendorf und Kienitz – jene Orte, in denen die Rote Armee in der Nacht zum 31. Januar den ersten Brückenkopf über die Oder bildet. Ein Bericht des Landwirts Lira Lenz aus Groß Neuendorf schildert den 1. Februar: Beim Einkaufen im Dorf erfährt er von einem evakuierten Berliner Geschäftsmann, die Russen kämen bei Berlin über die Oder. Am Oderdamm sieht er Gestalten in Schützenlinie zum Fluss vorrücken. Kurz darauf betritt ein sowjetischer Offizier sein Haus.

„Haben Sie keine Angst, wir tun Ihnen nichts, wollte nur sehen, ob deutsche Soldaten im Haus sind. Am sechsten Februar hoffen wir, in Berlin zu sein.“

Im Nachbarort Kienitz berichtet der Soldat Moritz Habe, gerade auf Fronturlaub zu Hause, wie am Morgen des 31. Januar sowjetische Kolonnen über den zugefrorenen „Fährweg" heranrücken – zunächst hält man sie für eigene Truppen, bis vereinzelte Schüsse fallen. Ein deutsches Bataillon aus hastig auf Bahnhöfen zusammengesammelten Fronturlaubern gibt seine Stellung am Oderdamm rasch auf; die Kampfmoral reicht nicht aus. Ab dem 31. Januar treffen Teile der 25. Panzergrenadierdivision ein: Das II. Bataillon des Panzergrenadierregiments 119 wird über Golzow nach Letschin und von dort gegen den Brückenkopf Groß Neuendorf in Marsch gesetzt. Der Angriff vom 1. Februar erreicht zwar den Dorffriedhof, wirft die sowjetischen Verteidiger aber nicht aus dem Ort; ein zweiter Angriff mehrerer Kompanien bringt hohe eigene Verluste. Spuren dieser Kämpfe sind auf dem Friedhof von Groß Neuendorf bis heute zu erkennen.

Die genaue Lage des Fährwegs bei Kienitz, über den die ersten Rotarmisten kamen, zeigt das Video anhand einer historischen Karte.

Reitwein: Verlust und Rückeroberung der Höhe 81,5

2. bis 9. Februar 1945 – der Kampf um den Reitweiner Sporn

Südlich von Küstrin liegt Reitwein am nördlichen Ende eines vier Kilometer langen, bis zu 86 Meter hohen Höhenzugs, des Reitweiner Sporns – von erheblicher strategischer Bedeutung, da er das Oderbruch beherrscht. Der ehemalige Reitweiner Pfarrer Bode schildert die Tage ab dem 2. Februar: Scharfschützen verstecken sich in Scheunen, ein deutscher Hauptmann übernachtet mit zwölf Mann im Pfarrhaus und wird Stunden später schwer verwundet, Artillerie zerstört die östlichen Gehöfte des Dorfes. Mit drei kleinen Kindern flieht die Pfarrersfamilie am Abend des 3. Februar zu Fuß über den aufgeweichten Feldweg ins Nachbardorf Podelzig – eine Strecke, für die sie statt der üblichen Dreiviertelstunde dreieinhalb Stunden braucht.

Am 2. Februar gegen 13 Uhr wird Reitwein von den Sowjets fast vollständig eingenommen; nur rund 200 kaum bewaffnete Männer des Reichsarbeitsdienstes leisten Widerstand. Oberstleutnant von Wittich alarmiert vom Gutshof aus die Wehrmacht, hastig zusammengestellte Alarmeinheiten unter Generalmajor Adolf Raegener, zuvor Kommandant der Festung Küstrin, erobern den westlichen Ortsteil noch am selben Abend zurück. Der Soldat Heinrich Meuser, der mit seiner Kompanie gegen einen ausdrücklichen „Führerbefehl" die Höhe 81,5 wiederholt stürmen und wieder räumen muss, beschreibt die ungleichen Kräfteverhältnisse:

„Wir hatten keine [Artillerie], die Russen hatten jede Menge. Verschlechtert wurde unsere Lage noch dadurch, dass die Granaten meistens im Gehölz krepierten und wie Schrapnell wirkten.“

Den genauen Verlauf der Kämpfe um Höhe 81,5 rekonstruiert das Video anhand einer detaillierten Geländekarte des Reitweiner Sporns.

Lebus: Volkssturm an den Oderhängen

Ende Januar bis 3. Februar 1945 – ein fränkisches Bataillon verteidigt die Fähre

Nördlich von Frankfurt (Oder), dort wo die Lebuser Hochfläche in das Oderbruch übergeht, liegt Lebus an bis zu 50 Meter hohen Oderhängen – ein für die Verteidigung ebenso wichtiges wie für die sowjetischen Angreifer hinderliches Gelände. Ende Januar entstehen hier erste, schwach besetzte Stellungen: leichte Flak auf Schloss- und Peterberg, Scharfschützen- und MG-Stellungen. Am 1. Februar wird Oberst Zettler zum Kampfkommandanten ernannt, das Volkssturmbataillon Franken trifft ein und übernimmt mit seinen vier Kompanien einen neun Kilometer langen Abschnitt von Frankfurt bis Lebus – bei rund 550 Mann statistisch ein Mann alle neun Meter. Eine Flakeinheit unter Leutnant Völlig rettet sich nach dem Verlust ihrer Geschütze östlich der Oder mit nur 15 Soldaten über das Eis nach Lebus.

Am 3. Februar gelingt ein erstes Kommandounternehmen: Sowjetische Soldaten haben im Obergeschoss der Försterei ein MG-Nest eingerichtet, das die Dammkrone unter Feuer nehmen kann. Im Feuerschutz vom Schlossberg aus setzt eine Gruppe Freiwilliger über und vernichtet das Nest – dabei gelingt es zugleich, die auf dem Ostufer festsitzende Familie Anton mit einem Fischerboot ans Westufer zu retten. Auf einsehbaren Straßen wird jeder Gang zum Bäcker durch sowjetische Scharfschützen lebensgefährlich; über die Breite Straße spannt man Planen als Sichtschutz.

Das Rettungsunternehmen für die Familie Anton und die Lage der Lebuser Verteidigungsstellungen zeigt das Video mit zusätzlichem Kartenmaterial.

Wriezen und Neulewin: Ein Fünfzehnjähriger als Flakhelfer

2. und 3. Februar 1945 – der Bericht des Wolfgang Reichmuth

Nordwestlich von Küstrin, um Wriezen und Neulewin, erlebt der junge Flaksoldat Wolfgang Reichmuth die ersten Februartage 1945 hautnah. Am 2. Februar stößt ein 40-köpfiger Spähtrupp am Bahnhof von Neuwalde/Neurüdnitz auf verschanzte sowjetische Soldaten, vertreibt sie in kurzem Gefecht und bringt ein erbeutetes 76-Millimeter-Pak-Geschütz zurück. Am Abend bezieht Reichmuths Flakbatterie am Ortsausgang von Heinersdorf offene Stellung – der Boden ist steinhart gefroren, ein Eingraben unmöglich, als Tarnung dienen nur ein paar Strohballen. Vor ihnen liegen die bereits sowjetisch besetzten Dörfer Groß Neulewin und Kerstenbruch.

Am 3. Februar um 7:30 Uhr beginnt ein deutscher Gegenstoß mit halbstündiger Beschießung der sowjetischen Stellungen. Weil die Flakgeschütze anders als Artillerie nicht im Bogen schießen können, bleiben hinter Häusern verborgene Granatwerfer unerreichbar. Als die Mannschaft nach Munition ins rückwärtige Gebäude läuft, trifft eine Werfergranate direkt das Geschütz, eine zweite die Munition. Reichmuth wird verwundet:

„Nach ein paar Schritten wurde es heiß und feucht im linken Bein, und mir wurde schwarz vor Augen.“

Über ein Feldlazarett wird er nach Wriezen transportiert – während am Himmel die Kondensstreifen eines amerikanischen Großangriffs auf Berlin stehen. Das Verwundetenabzeichen erhält er sieben Tage später, an seinem 17. Geburtstag; als Flakhelfer eingezogen worden war er mit fünfzehn. Waffen-SS-, Heeres- und Polizeieinheiten werfen die Sowjets im Morgengrauen bis hinter Ortwig zurück, ohne den nördlichen Brückenkopf ganz zu beseitigen.

Wie der historische Bahnhof von Neurüdnitz mit noch heute sichtbaren Einschussspuren von 1945 wiederzufinden war, zeigt das Video vor Ort.

Die vollständige Serie, Folge 1

Als die Oder-Ostfront wurde (1): Kämpfe um Küstrin und Frankfurt/Oder

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Alle Folgen dieser Serie

  1. 1ALS DIE ODER OSTFRONT WURDE (1) Kämpfe um die Städte Küstrin + Frankfurt/Oder vor den Seelower Höhen
  2. 2Klessin und Podelzig wird Zeuge von Flucht und Rückzug an die Oder (2) ALS DIE ODER OSTFRONT WURDE
  3. 3ALS DIE ODER OSTFRONT WURDE (3) Küstrin im Zentrum des sowjetischen Vorstoßes vor den Seelower Höhen
  4. 4Plötzlich erreichen sowjetische Spähtrupps Reitwein (5) ALS DIE ODER OSTFRONT WURDE
  5. 525.PzGren. Division Einsatz in Groß Neuendorf bei Kienitz (6) ALS DIE ODER OSTFRONT WURDE
  6. 6Im Morgengrauen erscheinen erdbraune Soldaten bei Lebus (7) ALS DIE ODER OSTFRONT WURDE
  7. 7Flak im Erdkampf bei Wriezen (8) ALS DIE ODER OSTFRONT WURDE – Schlacht in den Seelower Höhen 1945
  8. 8Flak im Erdeinsatz bei Wriezen – (9) Folge 2 – ALS DIE ODER OSTFRONT WURDE