Dies ist die Geschichte eines Himmelfahrtskommandos, das den Auftrag hatte, das Unmögliche zu wagen: ein Einbruch in den feindbesetzten Raum, um ein tödliches Erbe zu tilgen, bevor die Welt davon erfährt.
Die sowjetische Winteroffensive
Eine Dampfwalze von beispielloser Wucht
Am 12. Januar 1945 vollzog sich an der Weichselfront der Beginn einer militärischen Operation, die in ihrer operativen Tiefe und Geschwindigkeit alle bisherigen Maßstäbe des Zweiten Weltkriegs sprengte. Die sowjetische Weichsel-Oder-Operation war kein bloßer Frontdurchbruch, sondern ein präzises, koordiniertes Aufsprengen und Vernichten der Heeresgruppe A.
Innerhalb weniger Tage brachen sowjetische Panzerarmeen durch die dünnen deutschen Linien und stießen bis zu 70 Kilometer pro Tag nach Westen vor. Während die deutschen Verbände in „wandernden Kesseln" nach Westen fluteten, erreichten die sowjetischen Spitzen bereits am 31. Januar die Oder bei Kienitz – nur 60 Kilometer vor den Toren Berlins.
Auch im Raum Niederschlesien ist die Lage durch tiefe Einbrüche der sowjetischen Panzerkräfte gekennzeichnet. Nordostwärts von Breslau vollzieht sich eine Entwicklung von strategischer Tragweite: Das Chemiewerk „Anorgana" in Dyhernfurth wird für die deutsche Führung zu einem operativen Albtraum. Die Besetzung Dyhernfurths durch sowjetische Truppen Anfang Februar war eine direkte Folge der überdehnten Fronten und der unkontrollierten Rückzugsbewegungen. Dass ein Werk für chemische Kampfstoffe von enormer strategischer Bedeutung unzerstört in feindliche Hände fiel, war das Ergebnis des zu spät gegebenen Räumungsalarms und der völligen Unterschätzung des sowjetischen Vormarschtempos.
In den Bunkeranlagen lagerten tausende Tonnen eines Kampfmittels, das dem Gegner technologisch weit überlegen war – aber man verfügte über keine Truppen vor Ort, um es zu schützen oder fachgerecht zu vernichten.
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Es begann an der Weichsel
Das vergessene Gift
Tabun – ein Nervenkampfstoff der neuesten Generation
Dyhernfurth war kein herkömmliches Rüstungsobjekt. Es war das Zentrum für die Produktion eines Stoffes, der die Grenze der konventionellen Kriegführung markiert: Tabun. Ein Nervengas, das im Ersten Weltkrieg noch keine Entsprechung fand – farblos, geruchlos, für den Menschen mit keinem seiner Sinne wahrnehmbar. Bereits kleinste Mengen, wenige Tropfen auf der Haut oder die Inhalation geringster Konzentrationen, führen durch die Blockade der Reizleitung im Nervensystem innerhalb von Minuten zum Tod durch Atemlähmung.
In den Betonkatakomben des Werkes lagern in neun Bunkergruppen insgesamt 12.000 Tonnen dieses Agens in ungesicherten Hochbottichen. Trotz dringender Warnungen des Generals der Nebeltruppen, General Ochsner, wurde auf eine rechtzeitige Unschädlichmachung der Bestände verzichtet.
Eine Zerstörung der Anlage durch schwere Artillerie oder Luftangriffe wird nach fachlicher Beurteilung verworfen: Die Gefahr einer unkontrollierten Freisetzung über bewohntem Gebiet und die Tatsache, dass verbleibende Rückstände eine feindliche Analyse der Molekularstruktur nicht ausschließen würden, erfordern eine andere Lösung. Das Kampfmittel muss physisch vernichtet werden – durch einen Einbruch in den feindbesetzten Raum, um das Gas über die werkseigenen Rohrleitungen kontrolliert in die Oder abzupumpen. Nur die totale Verdünnung in den Fluten der Oder garantiert die endgültige Neutralisierung dieser 12.000 Tonnen tödlicher Fracht.
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Kampfstoff-Forschung im Nationalsozialismus
Der Mann und sein Auftrag
Sachsenheimer bekommt den Befehl
Mit der Lösung dieser operativ kritischen Aufgabe wird ein Offizier betraut, der sich bereits in zahlreichen Krisenlagen an der Ostfront bewährt hat: Generalmajor Sachsenheimer, Kommandeur der 17. Infanterie-Division. Anfang Februar 1945 wird er in das Hauptquartier der 4. Panzerarmee nach Laasan befohlen, wo ihn der Chef des Generalstabs zu einer eilig anberaumten Befehlsausgabe empfängt.
Sachsenheimer erhält die operative Verfügungsgewalt über ein ad-hoc zusammengestelltes Angriffsunternehmen. Sein Auftrag: die überraschende Wiederbesetzung des Werkes durch einen Handstreich und die Sicherung des Objekts, bis ein mitgeführtes technisches Kommando – zwei Professoren, ein Gasabwehroffizier und 80 Spezialarbeiter – die Vernichtung der Gasbestände abgeschlossen hat.
Der ursprüngliche Plan des Heeresgruppenkommandos sah ein kombiniertes Unternehmen mit Infanterie, Artillerie, Fallschirmjägern zweier Heeresgruppen, Flak und einer Pionier-Sturmbootkompanie mit 81 Sturmbooten vor: Kurz nach Morgengrauen sollte ein überraschender Artilleriefeuerschlag den Angriff einleiten, woraufhin Fallschirmjäger über dem Werk absprängen. Doch Sachsenheimer erkennt nach erster Einsicht in die Unterlagen die taktischen Risiken dieses Plans. Da die schnelle Besetzung der Fabrik nur der erste Akt war – die Voraussetzung für die entscheidende technische Arbeit – musste dieser zweite Akt durch einen ausreichend langen Schutz ermöglicht werden. Ein lauter, sofort alarmierender Angriff hätte genau das gefährdet.
Der eigene Plan
Sachsenheimer denkt anders
Bei der persönlichen Geländeerkundung am Oderdamm werden beide Begleitoffiziere Sachsenheimers durch eine Garbe zweier feindlicher Maschinengewehre verwundet. Der zwischen ihnen stehende General bleibt wie durch ein Wunder unverletzt und setzt die Aufklärung allein fort. Hinter dem hohen Damm bei Punkt 104,6 gedeckt, gewinnt er den entscheidenden Überblick: Die Eisenbahnbrücke ist zwar zwischen zwei Pfeilern gesprengt, für Schützen aber noch passierbar. Der zweigleisige Eisenbahndamm, der in weitem Bogen an Dyhernfurth vorbeiführt und ein Gleis direkt ins Werk abzweigt, wird für ihn zum „Ariadne-Faden" – der Orientierungslinie, an der seine im Gelände unbekannten Soldaten das Angriffsziel bei Dunkelheit sicher finden würden.
Sein Plan: Schwerpunkt ist der Übergang über die Eisenbahnbrücke und das Vorgehen entlang des Bahndamms, unter Führung von Major Joos. Die Flak geht in versteckter Stellung dicht hinter dem Oderdamm in Bereitschaft – ihre Rohre dürfen erst unmittelbar vor Feuereröffnung über die Dammkrone ragen. Die Sturmbootpioniere sollen dreißig Minuten nach dem Brückenübergang einen Scheinangriff vortäuschen, um vom eigentlichen Hauptstoß abzulenken. Die Fallschirmjäger bleiben verborgen und dienen nur als letzte Reserve.
Das Wichtigste ist völlige Überraschung. Fallschirmjäger dürfen also nicht, wie von der Heeresgruppe geplant, gezeigt werden.
General Gräser stimmt dem Plan zu. Die Heeresgruppe erteilt ihre Zustimmung – unter der Bedingung, dass General Sachsenheimer die volle Verantwortung für das Gelingen übernimmt. Er übernimmt sie.
Die Nacht der Entscheidung
5. Februar 1945
In der Nacht zum 5. Februar 1945 treten die Stoßtrupps unter Major Joos zum Angriff an. Fast lautlos überrennen sie die beiden Maschinengewehre an der Eisenbahnbrücke. Nirgends trifft man auf stärkeren Widerstand – auch nicht am Schloss Dyhernfurth, wo der Feind sich offenbar weiter dem Vertilgen von Weinen und Schnäpsen hingibt. Bereits 65 Minuten nach Angriffsbeginn wird die technische Gruppe ins Werk geschleust. Die Arbeiten gehen schneller voran als berechnet: Die Pumpanlagen sind vollständig betriebsklar, das Tabun wird durch das werkseigene Rohrleitungssystem in die Oder gepumpt und neutralisiert.
Doch während die technische Gruppe arbeitet, gerät die äußere Sicherung unter Druck. Zwischen 13 und 15 Uhr stößt der Feind mit etwa 18 Panzern von Norden vor – dank rechtzeitiger Aufklärung und zahlreicher Panzerjagdkommandos mit der Panzerfaust werden sie alle abgewehrt. Am späten Nachmittag, kurz vor Einbruch der Dämmerung, stoßen sieben bis acht russische Panzer gegen den Bahndamm vor. Gelingt ihnen dessen Besetzung, ist der Rückweg der gesamten Truppe samt technischem Personal abgeschnitten.
Aus nur 750 Metern Entfernung eröffnet die versteckt stehende Flak das Feuer. Sechs Panzer werden abgeschossen, mehrere geraten sofort in Brand – die feindliche Führung greift danach nicht mehr an.
Am späten Nachmittag trifft General Sachsenheimers Funkspruch mit der von den Professoren unterschriebenen Bestätigung der gelungenen Gasvernichtung bei der Heeresgruppe ein. Der Befehl zur Räumung des Brückenkopfes ergeht. Rückzug und Übergang über die Oder gelingen planmäßig, unter Mitnahme aller Verwundeten und der wenigen Gefallenen, die auch dieser Einsatz gefordert hatte. Einen Schatten wirft ein Zwischenfall: Als Vorsorge hatten Pioniere an einigen Gasbottichen Sprengladungen angelegt, wobei mehrere Männer von ausströmenden Gasen erfasst wurden und vorübergehend ihre Sehkraft verloren – sie wurden glücklicherweise nach wenigen Tagen geheilt.
Die beiden vorgesehenen Fallschirmjäger-Kompanien waren nie eingetroffen. Ein stiller Glücksfall: Sachsenheimer hatte sie von Beginn an nicht für die Einleitung des Angriffs eingeplant – hätte er auf sie gebaut, wäre er durch ihr Ausbleiben in eine schwierige Lage geraten.
Auftragstaktik – warum die Mission gelang
Nachbetrachtung
Das Angriffsunternehmen Dyhernfurth gilt in der Militärgeschichtsschreibung als Paradebeispiel für die Wirksamkeit der deutschen Auftragstaktik, gerade in einer Phase des Krieges, die bereits durch den Zusammenbruch fester Fronten geprägt war. Das Gelingen beruhte auf mehreren Prinzipien dieser taktischen Philosophie: der Freiheit des Handelns gegen starre Pläne – Sachsenheimer lehnte den Plan der Heeresgruppe ab und verschaffte sich die nötige Handlungsfreiheit; der eigenverantwortlichen Erkundung unter Lebensgefahr, die ihn erst den entscheidenden Schwachpunkt in der sowjetischen Sicherung finden ließ; dem Pragmatismus im Gelände, der aus einem Bahndamm einen zuverlässigen Wegweiser durch die Dunkelheit machte; dem Vertrauen in die Unterführer, die den Nahkampf an der Brücke lautlos entschieden; und der operativen Flexibilität durch Täuschungsmanöver.
Generalmajor Hans von Ahlfen bezeichnete das Unternehmen später als eine „Lehrübung", die bewies, zu welchen Leistungen Führung und Truppe fähig waren, wenn Eigeninitiative über bürokratische Befehlsstarrheit siegte. Ohne diese Kultur der selbstständigen Entscheidung eines Kommandeurs vor Ort wäre die Vernichtung der 12.000 Tonnen Tabun – und damit die Abwendung einer chemischen Katastrophe – wohl kaum möglich gewesen.
Zeitreise Seelower Höhen