Im Juli 1990, ein halbes Jahr nach dem Mauerfall, kehrt Wilhelm Frieler mit seiner Frau an die Orte im Oderbruch zurück, an denen er 1945 als junger Soldat der 9. Fallschirmjäger-Division kämpfte und verwundet wurde. Als Wegweiser dient ihm sein eigenes Kriegstagebuch aus jenem Jahr – die Grundlage für seinen Bericht über die letzten Kampfwochen an der Oderfront.
Von der Luftwaffe zu den Fallschirmjägern
Ausbildung zwischen Ostsee, Kanalküste und Böblingen
Dass er Angehöriger der deutschen Luftwaffe wurde, sei „reiner Zufall“ gewesen, schreibt Frieler: Als er im Mai 1943 mit 17 Jahren beim Reichsarbeitsdienst nahe Husum eingezogen wird, meldet er sich nach wenigen Wochen freiwillig zur Luftwaffe – aus Sorge, sonst zur Waffen-SS gezogen zu werden. Es folgen Fliegertauglichkeitsprüfung in Münster, Grundausbildung in Heiligenhafen, Wachdienst an der französischen Kanalküste beim Bau einer V1-Abschussstelle, ein Offizierslehrgang in Reims und die Pilotenausbildung: Segelflugschule in Luxemburg, Flugzeugführerschule Böblingen. Treibstoffmangel löst die Schule auf.
Am 30. Januar 1945 erfährt Frieler in Crailsheim, dass seine Einheit der 9. Fallschirmjäger-Division zugeteilt wird. Ab dem 1. Februar geht es nach Halberstadt, wo er zusammen mit anderen ehemaligen Luftwaffenangehörigen vom 5. Februar bis 5. März eine „äußerst harte“ Infanterieausbildung durchläuft – Maschinengewehr, Panzerfaust und andere Waffen. Am 6. März wird die Einheit an die Oderfront verlegt und erhält an der Kleiderkammer erstmals die grüne Fallschirmjäger-Kombination.
Frielers vollständiges Tagebuch mit allen Zwischenstationen der Ausbildung ist im Video Wort für Wort zu hören.
An die Oderfront: Pinnow, Stützkow und Stolpe
Erste Gefechte, erste Gefallene
Neuer Standort der Einheit ist Pinnow nördlich von Angermünde, von wo aus Geländeerkundungen bis zur Hauptkampflinie an der Oder stattfinden. Am 16. März rückt Frieler als Gefechtsvorposten nach Stützkow an der Oder vor. In der Nacht zum 31. März versuchen sowjetische Verbände bei Stolpe überzusetzen; Frielers Trupp wird dabei von Granatwerfern beschossen und erleidet die ersten Verluste, zwei Gefallene.
Nachdem es den sowjetischen Streitkräften inzwischen gelungen ist, Küstrin einzunehmen und den dortigen Brückenkopf zu erweitern, wird die Einheit noch am nächsten Tag zu einem 20-Kilometer-Marsch nach Altkünkendorf abkommandiert. Über Angermünde, wo die Männer auf offenen Güterwagen neben Panzern verladen werden, geht die Fahrt über Nacht via Berlin nach Buckow in die Märkische Schweiz, wo bereits weitere Teile der neuaufgestellten Fallschirmjäger-Division liegen.
Den genauen Frontverlauf an der Oder im März 1945 zeigt das Video zusätzlich anhand von Kartenmaterial.
Görings Besuch in Neuhardenberg
„Verteidigung bis aufs Äußerste“
Am 6. April marschiert die Einheit 18 Kilometer nach Neuhardenberg, Quartier bei einem Bauern im Heulager einer Scheune. Am folgenden Tag, dem 7. April 1945, besucht der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring, persönlich die Truppe zur Befehlsausgabe und spricht über den Kampf der Fallschirmjäger gegen die Rote Armee: Verteidigung bis aufs Äußerste, fanatisch, Sieg oder Tod. Zwei Sätze bleiben Frieler bis heute im Gedächtnis:
„Grabt euch fest in den Boden ein, wie eure Väter es taten – wir müssen schließlich alle einmal sterben.“
Nachdem Göring einem Soldaten, der bereits in Russland gekämpft hatte, das Eiserne Kreuz verliehen hat, zieht er mit seinen Leibwächtern weiter, um andere Teile der Division zu besuchen.
Görings Ansprache und ihre Wirkung auf die jungen Fallschirmjäger schildert das Video ausführlicher im Originalwortlaut des Tagebuchs.
Vormarsch zur Hauptkampflinie bei Tschechin
Ein Panzer in der Scheune, Handgranaten in der Tasche
Am 12. April wird Frieler zum Stamm des Ersatzbataillons der 3. Kompanie versetzt – Einsatz an der Hauptkampflinie. Nach einem nächtlichen Marsch von Neuhardenberg in Richtung Platkow, bei dem er zeitweise noch einen kleinen Bunker mit einem Kameraden einrichtet, geht es in der folgenden Nacht bei verstärktem Artilleriebeschuss weiter nach vorn, bis zu einer Zuckerfabrik an der von Bäumen gesäumten Straße nach Tschechin, das seit Tagen in sowjetischer Hand ist. Der Auftrag: Tschechin zurückerobern. Ein nicht überspringbarer Bach entlang der Straße und sowjetischer Artillerie- und Granatwerferbeschuss stoppen den Angriff nach rund 800 Metern unter erheblichen Verlusten – ein Feldwebel, im Zivilberuf Lehrer und Familienvater, wird durch Kopfschuss tödlich getroffen. Die Einheit bezieht daraufhin die Schützengräben auf der anderen Straßenseite.
Aus einer rund 100 Meter entfernten Scheune feuert ein versteckter sowjetischer T-34 auf die Stellung. Der Bataillonsgefechtsstand hat keine Abwehrkanone zur Verfügung; wegen des offenen Geländes ist auch ein Panzerfaust-Einsatz unmöglich. Frieler füllt stattdessen seine Kombinationstaschen mit Handgranaten – rechtzeitig, denn sowjetische Infanteristen sind bereits in einen Teil des Grabens eingedrungen und werden mit deren Hilfe zurückgedrängt. Am Abend wird der Kompaniechef auf dem Rückweg von einer Besprechung am Bataillonsgefechtsstand durch einen Beinschuss verwundet.
Die Lage der Zuckerfabrik und des Grabensystems bei Tschechin rekonstruiert das Video zusätzlich anhand eines Ortsbesuchs von 1990.
Der Großangriff vom 16. April
Trommelfeuer im Morgengrauen
Um vier Uhr früh am 16. April 1945 – dem Tag, an dem der sowjetische Großangriff auf die Seelower Höhen beginnt – wird Frielers Stellung von einem „ohrenbetäubenden, höllischen“ Trommelfeuer der sowjetischen Artillerie eingedeckt. Flach auf dem Bauch liegend erwartet er das Ende.
„Nach etwa einer Stunde spüre ich auf meinem Rücken die Stiefel zweier Kameraden. Kommen wir müssen abhauen, die Russen kommen.“
Erst jetzt wird ihm bewusst, dass sich das Trommelfeuer nach hinten verlegt hat. Er rennt zur Straße, wird von einem Offizier aufgefordert, den Rückzugsbefehl an die Kameraden im Graben weiterzugeben, überzeugt ihn aber, dass dort niemand mehr ist. Im allgemeinen Rückzug trifft er auf zwei Bekannte seiner Kompanie, darunter Friedhelm Becker; Granatsplitter schlagen immer wieder um sie herum ein, in einem Bauernhof finden sie kurz Schutz, die Bäuerin bietet ihnen zu essen an.
Den Beginn des Großangriffs und den Rückzug zeichnet das Video mit weiterem Kartenmaterial zum Frontverlauf nach.
Verwundung und Odyssee ins Lazarett
Von einem Graben im Oderbruch bis nach Lübeck
An einem Gewässer entlang, den dritten Kameraden bereits aus den Augen verloren, trifft ein Granatwerfergeschoss Frieler am linken Fuß – der Schuh ist zerfetzt. Gleichzeitig wird auch Friedhelm im Gesicht getroffen; Frieler sieht ihn danach nicht wieder. Flüchtende Kameraden hören seine Hilferufe und tragen ihn, immer wieder unterbrochen von einschlagenden Granaten, einen Kilometer weit bis zu einer Straße, wo er auf einen Lastwagen mit einem abtransportierten Geschütz verladen wird.
Über einen Hauptverbandsplatz, vermutlich ein Schloss in Reichenberg, gelangt er am nächsten Morgen als leicht Verwundeter mit einem Sanitätskraftwagen weiter, dann per Lazarettzug: Am Nachmittag des 18. April setzt sich der Zug in Bewegung und erreicht über Berlin, Neustadt und Wittenberge am 23. April ein Lazarett in Lübeck. Nach weiteren Lazarettaufenthalten in Schwerin und Flensburg kehrt Wilhelm Frieler am 9. Mai 1945 nach Hause zurück.
Die letzten Kriegstage bis zur Heimkehr schildert das Video mit dem vollständigen Wortlaut aus Frielers Kriegstagebuch.