Ein Manuskript aus dem Nachlass des Fahnenjunkers Gerhard Tillery, von Joachim Schneider aus Frankfurt (Oder) Jahrzehnte später niedergeschrieben, ist die Grundlage dieser zehnteiligen Serie: das Kriegstagebuch eines 18-jährigen Reserveoffizier-Bewerbers, der im Februar 1945 mitten aus einem Lübecker Lehrgang an die Oderfront geworfen wird. Was folgt, ist die Chronik eines einzigen Frontabschnitts im Oderbruch – vom ersten Alarm über den sowjetischen Großangriff auf die Seelower Höhen bis zum Rückzug in die Vororte Berlins.
Alarm in Lübeck – der Marsch an die Oder
Vom Reserveoffizier-Lehrgang in die Hauptkampflinie
Am Abend des 15. Februar 1945 sitzt Gerhard Tillery mit einem Kameraden im Kino in Bad Schwartau, als der Alarm sie erreicht: Der Reserveoffizier-Bewerber-Lehrgang in Lübeck, eigentlich erst zum 15. März vorgesehen, wird sofort abgebrochen. In der Nacht marschiert die Truppe mit lautem Gesang zum Bahnhof – die jungen Fahnenjunker, die meisten gerade 18 Jahre alt, sind „in einen richtigen Begeisterungstaumel verfallen“, wie Tillery notiert. Am 17. Februar rollt der Transport über Hagenow, Berlin und Potsdam ostwärts, weiter über Wriezen und Friedersdorf ins Oderbruch. Tillery und fünfzehn Kameraden aus Lübeck werden dem Fahnenjunker-Regiment 1234 (Potsdam) zugeteilt, das zur 309. Infanteriedivision „Berlin“ gehört.
In Sachsendorf, mitten im Oderbruch, hält Divisionskommandeur General Hellmann eine Ansprache: Es sei der Wunsch des Führers, dass der Brückenkopf möglichst rasch beseitigt werde. An diesem Marschtag durchs Dorf wird Tillery 19 Jahre alt – gefeiert mit einem halben Brot und einer Zigarette im Straßengraben. Am 20. Februar rückt die Kompanie nach Rathstock vor; das Gutshaus, in dem die Männer Schutz suchen, wird tags darauf von sowjetischer Artillerie in Schutt gelegt. Am Abend des 21. Februar erreicht Tillery schließlich die Hauptkampflinie selbst: ein kaum durchgehendes Grabensystem im Wald, an manchen Stellen nur zwölf bis fünfzehn Meter vom sowjetischen Graben entfernt.
„Die Haare standen mir zu Berge, als ich hörte, dass der Russe hier nur zwölf bis fünfzehn Meter entfernt lag.“
In den ersten Tagen an der Front sterben bereits zwei seiner Kameraden aus dem Lübecker Lehrgang, Korfstädt und Pohlmeyer, beide durch Kopfschüsse sowjetischer Scharfschützen.
Wie es gelang, Tillerys Grabenverlauf im Wald bei Sachsendorf anhand von Luftbildern und einem Ortsbesuch fast punktgenau wiederzufinden – bis hin zu den Gräbern gefallener Kameraden auf dem dortigen Friedhof –, zeigt das Video mit Originalaufnahmen aus dem Gelände.
Der sowjetische Großangriff vom 2. März
Eingeschlossen im Wald von Rathstock
Am Morgen des 2. März 1945 eröffnet die sowjetische Artillerie mit knapp 800 Rohren und Raketenwerfern ein rund zweistündiges Trommelfeuer auf den Frontabschnitt bei Rathstock. Als das Feuer schlagartig nachlässt, weiß jeder im Graben: Jetzt kommt die Infanterie. Die Sowjets überrennen den Bahndamm rechts der Stellung fast ohne Widerstand, dringen tief in den Rücken der deutschen Linie vor und schließen Tillerys Zug, 26 Mann stark, im Wald ein. Aus der Deckung sehen die Eingeschlossenen, wie tausende sowjetische Soldaten, Panzer und Gespanne nur 200 Meter entfernt nach Westen ziehen, ohne sie zu bemerken.
Beim nächtlichen Durchbruchsversuch gerät die kleine Gruppe mitten auf einem Acker unter das Feuer eines sowjetischen schweren Maschinengewehrs aus nur 20 Metern Entfernung. Tillery bleibt liegen, während links und rechts von ihm Kameraden fallen – der Kamerad Güllner stirbt neben ihm, eine Handgranate detoniert zwei Meter entfernt und verfehlt seinen Kopf nur dank des Stahlhelms.
„Ich presste mein Gesicht in die Erde, wollte nichts mehr hören und sehen und wartete auf das Ende.“
Ein tödlich getroffener Kamerad bittet ihn beim Weiterkriechen nur noch, seinen Eltern Grüße auszurichten. Von den rund 60 Männern, die in dieser Nacht durchbrechen, werden nur zwei leicht verwundet – Tillerys eigener Zug aber verliert 16 von 24 Mann.
Das Video verschränkt Tillerys Bericht mit den Erinnerungen der Zivilbevölkerung von Sachsendorf an dieselben Stunden – zwei Perspektiven auf dieselbe Nacht, die sich im Video übereinanderlegen lassen.
Wochen im Grabenkrieg bei Solikanthe
Stellungskrieg, Munitionsnot und der Alltag zwischen den Fronten
Nach einer kurzen Ruhepause im nahen Neutrebbin, wo die aufgeriebenen Füße erst richtig schmerzen, bezieht die Kompanie Ende März eine neue Stellung bei Solikanthe, nur 70 bis 120 Meter von den sowjetischen Gräben entfernt. Tillery wird als MG-Schütze eingesetzt, zusammen mit Ivo van Hove. Die Munitionslage ist bereits kritisch: Viele Patronenhülsen bestehen inzwischen aus lackiertem Eisen statt Messing und blockieren bei schnellem Dauerfeuer das Maschinengewehr – Tillery legt sich deshalb immer 300 Schuss aus echten Messinghülsen für den Ernstfall zurück.
Der Alltag ist geprägt von Verlusten: Die Kameraden Holz und Behrensen sterben binnen weniger Tage durch Kopfschüsse sowjetischer Scharfschützen an derselben feuchten Grabenstelle, Ivo van Hove wird durch einen Halsschuss schwer verwundet. Nur wenige hundert Meter hinter der Linie liegt im Kompanietross ein Scharfschütze mit dem Deutschen Kreuz in Gold, der nach eigenen Angaben über 130 sowjetische Soldaten erschossen hat.
Die Stellungen bei Solikanthe und die Munitionsprobleme der Spätkriegszeit erläutert das Video zusätzlich anhand von Luftbildern und Originalausrüstung.
Der Sturm auf den Kompaniegefechtsstand
14. April 1945 – Gegenangriff mit dem letzten Aufgebot
Am 14. April 1945 greifen sowjetische Truppen den Abschnitt bei Solikanthe erstmals massiv an und überrennen kurzzeitig den Kompaniegefechtsstand. Leutnant Reifenscheidt befiehlt den Gegenangriff mit einer Handvoll Mann gegen einen weit überlegenen Gegner.
„Mich beschlich ein merkwürdiges Gefühl: Sollten wir paar Mann die mindestens zehnfach überlegenen Russen zurückwerfen?“
Im Sturm versagt Tillerys Maschinengewehr durch eine Ladehemmung – er stürmt trotzdem mit, schreit statt zu schießen, bis die Waffe im entscheidenden Moment doch wieder feuert und eine sowjetische Gruppe im Rest eines alten Grabens niederhält. Rund 80 tote sowjetische Soldaten werden anschließend gezählt, dazu erbeutet die Kompanie ein schweres MG, drei leichte Maschinengewehre und mehrere Maschinenpistolen. Unter den eigenen Verlusten ist der erst wenige Stunden zuvor beförderte Leutnant Gold, der einen Bauchschuss erleidet. In der folgenden Nacht wird die ausgeblutete Kompanie, noch 48 Mann stark, abgelöst und in eine Auffangstellung bei Altfriedland zurückgenommen – wie sich zeigen sollte, nur einen Tag vor Beginn des großen sowjetischen Sturms auf Berlin.
Den Ablauf des Gegenangriffs vom 14. April rekonstruiert das Video Schritt für Schritt anhand der Stellungskarte des Abschnitts.
Der Großangriff vom 16. April – Beginn der Schlacht um die Seelower Höhen
Trommelfeuer, Nebel und eine Verwechslung auf Leben und Tod
In den frühen Morgenstunden des 16. April 1945 beginnt jenes sowjetische Trommelfeuer, das als Auftakt der Schlacht um die Seelower Höhen in die Geschichte eingeht – und das Tillerys Auffangstellung bei Altfriedland mit voller Wucht trifft, deutlich heftiger noch als der Angriff vom 2. März.
„Der Boden war buchstäblich wie umgepflügt.“
Nach rund drei Stunden Beschuss bricht die sowjetische Infanterie im dichten Frühnebel durch die Linie; Tillery flieht mit dem Maschinengewehr auf dem Rücken nach Westen und wirft unterwegs Munitionskasten und Handgranaten weg, um schneller laufen zu können. Im Nebel wird er plötzlich auf Russisch angerufen und dreht sich um, bereit, sich zu ergeben oder zu kämpfen – doch der vermeintliche sowjetische Verfolger ist ein eigener Kamerad, Hans Kall, der Tillery seinerseits für einen Russen gehalten hatte. Beide hatten bereits das Gewehr im Anschlag.
Den genauen Frontverlauf am 16. April 1945, dem eigentlichen Beginn der Schlacht um die Seelower Höhen, zeigt das Video anhand animierter Karten im Detail.
Rückzug nach Berlin
Von Neutrebbin über Gottesgabe bis in die Vororte der Hauptstadt
In den folgenden Tagen löst sich die Front vollständig auf. Tillery und die Reste seiner Einheit weichen über Klein Neuendorf, Neutrebbin und Gottesgabe kämpfend nach Westen zurück, ständig in Gefahr, erneut eingeschlossen zu werden. Bei Gottesgabe erlebt er den Einsatz einer Hitlerjugend-Einheit aus 15- und 16-Jährigen, die mit Panzerfäusten mehrere sowjetische Panzer abschießen, ehe die Übermacht auch sie zurückdrängt. Ganze Verbände sind inzwischen zerschlagen; von seinem Regiment finden sich zeitweise nur noch 34 Mann zusammen.
Über Wilkendorf, Strausberg und Erkner erreicht die Rückzugskolonne am 21. April Hoppegarten vor den Toren Berlins, wo sich der Flüchtlingsstrom mit versprengten Wehrmachtseinheiten, Volkssturm und Zivilisten staut. An den Häuserwänden entlang der Straßen liest Tillery in diesen Tagen immer wieder die Parole „Berlin bleibt deutsch“ – während die eigene Truppe sich in permanenter Auflösung befindet.
„Seht zu, dass ihr gesund nach Hause kommt.“
So verabschiedet ihn dort ein Offizier seiner Division. Tillerys letzte Station in diesem Bericht ist eine Stellung am Friedhof von Mahlow, gemeinsam mit Volkssturm und einem Polizeibataillon bezogen – als der Nachbarabschnitt sich unangekündigt absetzt, bleibt nur noch eine einzige Rückzugsstraße offen. Hier endet der überlieferte Bericht.
Die letzten Tage des Rückzugs bis in die Berliner Vororte zeichnet das Video mit weiterem Kartenmaterial und Hintergründen zu den eingesetzten Volkssturm- und Hitlerjugend-Verbänden nach.