Mitten in den Kämpfen um die Oderfront steht im Winter 1945 an der Spitze der Heeresgruppe Weichsel ausgerechnet ein Mann ohne jede militärische Erfahrung: Reichsführer SS Heinrich Himmler. Wie es dazu kam, warum sich der Chef des Generalstabes des Heeres, Heinz Guderian, im März 1945 gegen ihn durchsetzte und wie General Gotthard Heinrici den Oberbefehl übernahm, schildert dieses Video anhand von Zeitzeugenberichten aus dem Umfeld der Wehrmachtsführung.
Himmler wird Oberbefehlshaber
Vom Polizeichef zum Frontkommandeur
Ab September 1944 stellt Heinrich Himmler in der Etappe der besetzten Westgebiete eigene Kampfverbände auf, ab Oktober zusätzlich den Volkssturm und die Werwolf-Freischärlerverbände. Im November 1944 wird er zum Oberbefehlshaber Oberrhein ernannt, um von Triberg im Schwarzwald aus eine Abwehrfront gegen die Alliierten aufzubauen. Als die Rote Armee im Januar 1945 zur Weichsel-Oder-Offensive antritt, wechselt Himmlers Kommando: Am 21. Januar 1945 übernimmt er in Schneidemühl den Oberbefehl über die neu aufgestellte Heeresgruppe Weichsel, mit dem Auftrag, den sowjetischen Vormarsch zu stoppen.
Die Stationen von Himmlers militärischer Laufbahn ab 1944 zeigt das Video zusätzlich anhand von Kartenmaterial zur Westfront und zum Oberrhein.
Ein Laie im Kommando
„Ein Blinder, der von der Farbe sprach“
Josef Goebbels notiert in seinem Tagebuch, die Reorganisation der deutschen Verbände brauche „eine starke Hand“ – und traue er Himmler durchaus zu. Aus den Reihen des Militärs fällt das Urteil deutlich negativer aus: Generalstabsoffizier Hans-Georg Eismann erinnert sich, man habe bei den Lagebesprechungen mit Himmler unwillkürlich den Eindruck gehabt, „dass ein Blinder von der Farbe sprach“. Was Himmler, der von militärischen Dingen nachweislich nichts verstand, dennoch zu dem Kommando drängte, sei nach Einschätzung von Zeitgenossen vor allem maßloser Ehrgeiz gewesen – insbesondere das Streben nach dem Ritterkreuz.
Weitere zeitgenössische Einschätzungen zu Himmlers Eignung als Frontkommandeur führt das Video im Detail an.
Guderians Kesselvorstoß in Hohenlychen
Ein Reichsführer SS mit Grippe im Sanatorium
Mitte März 1945 fehlen Heinz Guderian, dem Chef des Generalstabes des Heeres, zutreffende Meldungen von der Front der Heeresgruppe Weichsel – die Befehle des Oberkommandos, so sein Eindruck, werden bei Himmler nicht zuverlässig ausgeführt. Guderian fährt daraufhin zu Himmlers Hauptquartier bei Prenzlau. Dort empfängt ihn Himmlers Stabschef, SS-Gruppenführer Lammerding, bereits an der Tür mit den Worten:
„Können Sie uns nicht von unserem Oberbefehlshaber befreien?“
Himmler selbst ist zu diesem Zeitpunkt nicht vor Ort: Er liegt, wie sich herausstellt, mit einer Grippe im Sanatorium Hohenlychen in Behandlung bei seinem Leibarzt, Professor Gebhardt – während die Front im Oderbruch jederzeit einbrechen kann. Guderian fährt sofort dorthin, findet Himmler bei „leiblichem Wohlsein“ vor und macht ihm klar, dass die Häufung höchster Ämter – Reichsführer SS, Chef der deutschen Polizei, Reichsinnenminister, Befehlshaber des Ersatzheeres und nun auch Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Weichsel – die Kraft eines einzelnen Mannes übersteige. Himmler schwankt: „Das kann ich dem Führer nicht sagen, er wird mir das nicht genehmigen.“ Guderian bietet an, es selbst zu übernehmen – und Himmler stimmt zu.
Den vollständigen Ablauf des Gesprächs in Hohenlychen und die Reaktion Hitlers rekonstruiert das Video ausführlicher.
Der Wechsel zu Heinrici
Ein unauffälliger Mann übernimmt das Kommando
Noch am selben Abend schlägt Guderian Hitler vor, den überlasteten Himmler von seinem Kommando zu entheben und stattdessen Generaloberst Gotthard Heinrici, bisher Oberbefehlshaber der 1. Panzerarmee in den Karpaten, zum Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Weichsel zu ernennen. Unwillig, aber zustimmend gibt Hitler am 20. März 1945 grünes Licht. Heinrici erhält die Nachricht seiner überraschenden Beförderung telefonisch, mitten in schweren Abwehrkämpfen seiner bisherigen Armee gegen sowjetische Verbände bei Kosel in Oberschlesien.
Der körperlich unscheinbare, ergraute Mann in den Fünfzigern hat sich Zeitzeugen zufolge durch Erfahrung und Tüchtigkeit hochgearbeitet, nicht durch Genialität – ein Offizier der preußischen Schule, energisch, aber stets klar im Unterschied zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Heinrici das Glück, nie direkt mit Hitler zu tun gehabt zu haben; die Spannung zwischen Hitlers unbegrenzten Wunschvorstellungen und der militärischen Wirklichkeit kannte er bislang nur aus zweiter Hand, über seinen bisherigen Vorgesetzten Schörner.
Ein ausführliches Charakterporträt Heinricis und seiner bisherigen Laufbahn an der Ostfront zeichnet das Video zusätzlich nach.
Ankunft an der Front
Flüchtlingsfrauen am Straßenrand, ein zerbombtes Hauptquartier
Am 22. März fliegt Heinrici nach Bautzen und setzt die Reise wegen anhaltender Luftangriffe im Wagen fort, zunächst nach Zossen, um sich bei Guderian zu melden – zu Recht vermutet er in ihm die treibende Kraft seiner Ernennung. Unterwegs hält die Wagenkolonne in einem Dorf; Flüchtlingsfrauen mit ihren Kindern drängen sich an seinen Wagen und fragen, ob die Front halten und sie bleiben könnten. Heinrici beruhigt sie – kennt die Antwort aber selbst nicht, da er wie jeder Armeeführer seit Monaten kaum über die Lage außerhalb seines eigenen Frontabschnitts unterrichtet ist.
Im Lager Maybach I bei Zossen, Guderians Hauptquartier, empfängt ihn Generalleutnant Krebs, der Chef der Operationsabteilung. Das Lager trägt sichtbare Spuren eines schweren Luftangriffs, mehrere Betonbauten sind getroffen; Krebs selbst ist durch Granatsplitter verwundet worden. Von hier aus meldet sich Heinrici bei Guderian, ehe er den Oberbefehl über die Heeresgruppe Weichsel an der Front im Oderbruch offiziell übernimmt.
Die Fahrt von Bautzen bis Zossen und die Ankunft im zerbombten Hauptquartier zeigt das Video mit weiterem Archivmaterial.