Im März 1945 verstärken sich die sowjetischen Brückenköpfe beiderseits Küstrins zusehends. Während der Oberbefehlshaber der 9. Armee, General Theodor Busse, einen vorsichtigeren Gegenschlag vorschlägt, besteht Hitler auf einem riskanten Angriff über die Oder – eine Entscheidung, die sich nur verstehen lässt vor dem Hintergrund eines Streits, der bereits einen Monat zuvor in der Reichskanzlei zwischen Hitler und Generaloberst Heinz Guderian ausgetragen wurde.
Sowjetische Vorbereitungen bei Küstrin
Artillerie wächst „zu ungewöhnlicher Stärke“
Ab Mitte März 1945 erkennt die deutsche Luftaufklärung, dass die Sowjets ihre Brückenköpfe beiderseits Küstrins zunehmend verstärken – vor allem im Brückenkopf bei Göritz-Reitwein südlich der Festung wächst die Zahl der feindlichen Artilleriebatterien beiderseits der Oder auf ungewöhnliche Stärke an. Für die deutsche Seite ist die Lage bedrohlich: Weder Artillerie noch Luftwaffe verfügen über genug Rohre, Munition oder Treibstoff, um diese Batteriestellungen vor Beginn der erwarteten sowjetischen Offensive auszuschalten.
Die sowjetischen Brückenkopf-Vorbereitungen bei Göritz-Reitwein zeigt das Video anhand von Generalstabskarten.
Busse warnt, Hitler entscheidet
Zwei Brückenköpfe, zwei Meinungen
Da technische Mittel fehlen, entschließt sich Hitler im Führerhauptquartier, den südlichen Brückenkopf bei Küstrin durch einen eigenen Angriff auszuheben. General der Infanterie Theodor Busse, Oberbefehlshaber der 9. Armee, warnt: Die Sowjets hätten sich dort bereits stark eingegraben, seine wenig kampferprobten Frontdivisionen könnten diese schwere Aufgabe kaum meistern. Busse schlägt stattdessen einen Angriff nördlich Küstrins vor, zwischen Kienitz und Wuste Kietz – ein flacherer, schwächer besetzter Brückenkopf mit besseren Erfolgsaussichten.
Hitler lehnt diesen Vorschlag entschieden ab und besteht auf dem südlichen Brückenkopf. Da ein Frontalangriff aussichtslos erscheint, schlägt er stattdessen vor, den deutschen Vorstoß aus dem kleinen Brückenkopf in der Vorstadt von Frankfurt (Oder) heraus über Göritz bis Küstrin zu führen, um den sowjetischen Brückenkopf von der Flanke her abzuschneiden – obwohl dieser Brückenkopf zu klein ist, um mehr als anderthalb Divisionen aufzunehmen, nur eine einzige, von feindlicher Artillerie einsehbare Brücke zur Verfügung steht und die angreifenden Divisionen nach dem Durchbruch noch 20 Kilometer mit der Oder im Rücken zurücklegen müssten. Auf den Einwand, der Gegner werde ein solches Unternehmen ohnehin für unmöglich halten, erwidert Hitler, genau darin liege der Überraschungseffekt. Generalleutnant Krebs wird nach Frankfurt (Oder) geschickt, um die Angriffsmöglichkeiten zu prüfen – und erklärt das Unternehmen für durchführbar. Guderian selbst hält den Angriff für aussichtslos und bevorzugt stattdessen, zunächst den Küstriner Brückenkopf selbst zu beseitigen.
Die genaue Linienführung beider vorgeschlagener Angriffe stellt das Video anhand einer Kartenanimation gegenüber.
Der Streit vom 13. Februar
„Ich verbitte mir, dass Sie mir vorwerfen, ich wolle warten“
Solche Auseinandersetzungen zwischen Guderian und Hitler waren im Frühjahr 1945 keine Seltenheit. Ein Beispiel dafür liegt einen Monat zurück: Als Anfang Februar 1945 erste sowjetische Vorausabteilungen bei Küstrin die Oder erreichen und nur noch 80 Kilometer von Berlin entfernt stehen, trägt Guderian Hitler den Plan vor, auf einen Angriff in Ungarn zu verzichten und stattdessen die sowjetische Keilspitze zwischen Frankfurt und Küstrin in offenen Flanken anzugreifen. Bereits dieses erste Gespräch eskaliert so weit, dass Göring Guderian am Ärmel aus dem Raum zieht.
Am 13. Februar 1945 kommt es in der Reichskanzlei zur entscheidenden Aussprache, in deren Verlauf es um General Wenk und dessen Kommandierung zum Stab Himmlers geht:
„Guderian: Wir können nicht warten, bis das letzte Fass Benzin und die letzte Granate ausgeladen sind – bis dahin wird der Russe zu stark. Hitler: Ich verbitte mir, dass Sie mir vorwerfen, ich wolle warten. […] Guderian: General Wenck muss in den Stab des Reichsführers kommandiert werden, sonst besteht keine Gewähr, dass der Angriff gelingt. Hitler: Der Reichsführer ist Manns genug, um den Angriff allein zu führen.“
Zwei Stunden dauert der Streit in unverminderter Heftigkeit, ehe Hitler nachgibt und Wenk noch in derselben Nacht zu Himmlers Stab beordert.
Den vollständigen Wortlaut dieser Auseinandersetzung sowie die geschilderte Atmosphäre im Vortragszimmer gibt das Video ausführlicher wieder.
Wencks Autounfall und der gescheiterte Entlastungsangriff
Ein übermüdeter Fahrer entscheidet über den Angriff
Am 15. Februar tritt die 3. Panzerarmee unter Generaloberst von Raus zum Angriff an, am 16. unter persönlicher Aufsicht von General Wenk. An den ersten beiden Tagen macht der Vorstoß gute Fortschritte. Am Abend des 17. Februar, nach einem Vortrag bei Hitler, übernimmt Wenk aus Ermüdung des eigenen Fahrers selbst das Steuer seines Wagens – und schläft am Steuer ein. Der Wagen prallt gegen ein Brückengeländer an der Autobahn Berlin–Stettin; Wenk wird schwer verletzt ins Lazarett eingeliefert. Mit seinem Ausfall gerät der gesamte Angriff ins Stocken und kommt für Wochen nicht mehr in Fluss. Ersetzt wird Wenk durch Generalleutnant Krebs, der zuvor als Stabschef bei Model abgelöst worden war.
Den Verlauf des Angriffs der 3. Panzerarmee vom 15. bis 17. Februar zeigt das Video mit zusätzlichem Kartenmaterial.
Die 25. Panzergrenadierdivision wird abgezogen
Eine Rotation, die den Sowjets nicht verborgen bleibt
Unabhängig davon, wer Einwände gegen den Angriffsplan bei Küstrin erhebt, bleibt es bei Hitlers Entscheidung: Die 9. Armee wird mit der Vorbereitung beauftragt. Dafür muss sie mit großem inneren Widerstreben ihre beste verfügbare Division aus der Front lösen – die 25. Panzergrenadierdivision, die bislang den Zugang zur Festung Küstrin verteidigt hatte. Vom 18. bis 20. März wird sie durch Teile der neu aufgestellten Panzerdivision Müncheberg und der 20. Panzergrenadierdivision abgelöst und als Armeereserve in den Raum südlich und südwestlich Seelows verlegt.
Der sowjetischen Führung bleibt dieser Truppenwechsel nicht verborgen – sie nutzt die entstandene Schwächung der Front kurz entschlossen aus. Was am 22. März daraus folgt, führt unmittelbar in die Ereignisse, die der Artikel „Die 25. Panzergrenadierdivision an der Oderfront“ auf dieser Seite ausführlich schildert: den sowjetischen Durchbruch und die vollständige Einschließung der Festung Küstrin.
Wie sich der Truppenwechsel unmittelbar an der Front im Oderbruch bemerkbar macht, zeigt das Video mit weiterem Archivmaterial und leitet zum nächsten Teil der Reihe über.