Berlin & Oderbruch · 1944–1948

Zeitzeuge W. Reichmuth: Als 15-jähriger Flaksoldat im Oderbrückenkopf 1945

Als 15-jähriger Luftwaffenhelfer erlebt Werner Reichmuth die Bombennächte über Berlin, kämpft 1945 als Flaksoldat im Oderbrückenkopf bei Neulewin und kehrt erst nach fast vier Jahren sowjetischer Kriegsgefangenschaft heim.

Zwei persönlich geführte Gespräche mit Werner Reichmuth bilden die Grundlage dieses Sammelartikels: die Erinnerungen eines 1928 in Forst geborenen Jungen, der als Luftwaffenhelfer den Bombenkrieg über Berlin miterlebt, im Winter 1944/45 als Flaksoldat im Oderbrückenkopf bei Neulewin kämpft, den sowjetischen Großangriff auf die Seelower Höhen nur knapp verpasst – und danach fast vier Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft verbringt.

Forst, Gymnasium und Hitlerjugend

Werner Reichmuth wird am 10. Februar 1928 in Forst in der Lausitz geboren, als einziges Kind eines Redakteurs beim Forster Tageblatt. Ab 1938 besucht er das städtische Gymnasium – reine Jungenklassen, zwanzig Reichsmark Schulgeld. Vom Krieg bekommt die Familie bis weit in die vierziger Jahre kaum etwas mit: keine Bombenangriffe, ein nahezu unbeschwerter Alltag in der Kleinstadt. Wie fast alle Gleichaltrigen ist Reichmuth Mitglied der Hitlerjugend, die er als Gemeinschaft mit Länderspielen und Fahrten erlebt – 1939, mit elf Jahren, nimmt er an einer mehrtägigen Grenzfahrt von Forst über Grünberg, Schwiebus und Landsberg an der Warthe bis an die deutsch-polnische Grenze teil, offiziell eine Jugendfahrt, im Rückblick erkennbar auch Propaganda.

Im Januar 1944 kommt der Einschnitt: Fast die gesamte Klasse des Jahrgangs 1928 wird als Luftwaffenhelfer eingezogen und nach Berlin gebracht.

Das vollständige Interview zeigt Reichmuth selbst im Gespräch mit der Redaktion – seine Betonung und die Pausen beim Erzählen vermitteln einen Eindruck, den der Text allein nicht liefern kann.

Als Luftwaffenhelfer an der Flak über Berlin

In Friedrichsfelde Ost, in einer Gartenkolonie am Stadtrand, bezieht Reichmuths Batterie ihre erste Stellung. Die Jungen erhalten weiter Schulunterricht direkt an der Geschützstellung – Lehrer eines Berliner Gymnasiums unterrichten sie in Baracken, unterbrochen von Alarm, sobald feindliche Verbände sich der deutschen Bucht näherten. Ausgebildet werden sie zunächst an der 4-cm-Flak Bofors, einer ursprünglich schwedischen Konstruktion, später an der deutschen 3,7-cm-Flak 36, inklusive voller infanteristischer Grundausbildung.

Schon nach einer Woche in Berlin erlebt die Einheit im Januar 1944 einen schweren Luftangriff. Eine Luftmine reißt den Zugführer, der aus der Deckung schaut, tödlich; ein sowjetischer Kriegsgefangener, der beim Löschen von Brandbomben half, wird von derselben Explosion erfasst.

„Am nächsten Tag haben wir von ihm nur noch Fetzen gefunden.“

Über das restliche Jahr 1944 verlegt die Batterie mehrfach: zum Objektschutz des Siemens-Werks in Lichtenberg, zum Flugplatz Berlin-Schönefeld, zum Panzermotorenwerk in Genshagen bei Ludwigsfelde – dort zunächst durch künstlichen Nebel geschützt, bis das Werk am 8. August 1944 unvernebelt bleibt und bombardiert wird. Beim schwersten Angriff, den Reichmuth persönlich erlebt, schlagen bei Erkner rund um die eigene Stellung zahlreiche Bomben ein.

„Es war wie ein Erdbeben – die Erde hat gebebt.“

Die Stellung wird verschüttet, die Besatzung bleibt unverletzt.

Den Bombenkrieg über Berlin schildert das Video in Reichmuths eigenen, oft nüchtern vorgetragenen Formulierungen ausführlicher, als es der Text hier wiedergeben kann.

Verlegung an die Oder – Gegenangriff bei Neulewin

Im Januar 1945 überrollt die sowjetische Winteroffensive die Ostfront – innerhalb weniger Wochen rücken die Truppen mehrere hundert Kilometer bis an die Oder vor. Damit den als Luftwaffenhelfern eingesetzten Jugendlichen im Fall einer Gefangennahme nicht der Status von Partisanen droht, erhalten sie reguläre Luftwaffenuniformen statt der bisherigen Hitlerjugend-Kleidung. Ihre ortsfeste Batterie wird per Bahn Richtung Osten verlegt, zunächst Richtung Posen. Bei Schwiebus stehen bereits sowjetische Panzer jenseits der Stadtgrenze, die Stadt brennt. Der besonnene Batteriechef – im zivilen Leben Lehrer an einer Landwirtschaftsschule in Cottbus, später CDU-Kreistagsabgeordneter und Mitglied des Bundestags, ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz – lässt den Zug wenden und Richtung Oder umleiten.

Am Bahnhof erreicht sie die Nachricht: In der Nacht zum 31. Januar 1945 haben sowjetische Truppen die zugefrorene Oder überquert und einen Brückenkopf gebildet, keine zehn Kilometer entfernt. Ein vorausgeschickter Spähtrupp aus Fahrern, Telefonisten und Küchenpersonal gerät bei Ortwig und Küstrin-Kietz unvorbereitet in sowjetische Stellungen: Drei Klassenkameraden Reichmuths geraten in Gefangenschaft, ein Unteroffizier erschießt sich, um der Gefangennahme zu entgehen. Eine andere kleine Gruppe erbeutet dagegen eine sowjetische 7,62-cm-Kanone samt Vierspänner.

Reichmuths Batterie bezieht Stellung auf freiem Feld vor Neulewin, zwischen Kerstenbruch und der Bahnlinie nach Wriezen. Ab dem 3. Februar 1945 beschießen die sechs Geschütze mit bis zu 120 Schuss pro Minute die von sowjetischer Infanterie besetzten Häuser des Dorfes – und erhalten den bis dahin ungewohnten Befehl, das Rohr statt gegen Flugzeuge gegen Bodenziele zu richten. Erst als Waffen-SS-Einheiten mit Schützenpanzern eintreffen und die sowjetischen Kräfte aus Kerstenbruch, Neulewin und Neubarnim zurückwerfen, entkommt die ungeschützte Flakstellung der Gefahr, von Infanterie überrannt zu werden.

Die Gefechte um Neulewin und den Oderbrückenkopf zeichnet das Video zusätzlich anhand der genauen Ortsbeschreibung nach, wie Reichmuth sie im Gespräch selbst schildert.

Verwundet an der Flak

Der Munitionsverbrauch ist enorm; Nachschub muss von einem nahen Gutshof herangeholt werden. Während die übrige Geschützbesatzung dafür zurückgeschickt wird, bleibt Reichmuth als Ladekanonier mit einem Kameraden an der Waffe zurück. Sowjetische Granatwerfer schießen sich langsam ein – erst 100 Meter davor, dann dahinter, dann links und rechts –, bis ein Volltreffer das Geschütz zerstört. Sein Kamerad wird am Arm verwundet, Reichmuth trägt Splitterverletzungen an Hüfte und Beinen davon.

„Es wurde ganz warm am Bauch, und dann wurde mir ganz anders.“

Über einen Panzer und einen Hauptverbandsplatz gelangt er nach Wriezen, dann in ein Lazarett im Westen – und wird bereits nach drei Tagen wieder für gesund erklärt. Bei seiner Rückkehr zur inzwischen in den nördlichen Oderbruch bei Altranft und Bad Freienwalde zurückgezogenen Batterie beginnt eine ruhigere Phase: Nur noch gelegentlich wird auf sowjetische Aufklärer geschossen. In dieser Etappenzeit meldet sich Reichmuth als Bewerber für die Reserveoffizierslaufbahn.

Die Entscheidung erweist sich als folgenschwer: Am 12. April 1945, sechs Tage vor dem sowjetischen Großangriff auf die Seelower Höhen, werden alle Offiziersbewerber zu einer Heeresschule nach Potsdam abkommandiert. Reichmuths alte Batterie bleibt im Oderbruch zurück und erlebt den Großangriff am 16./17. April direkt mit – kämpfend zieht sie sich bis in die Prignitz nach Wittstock zurück, wo sich ein Teil der verbliebenen Kameraden schließlich lieber in britische als in sowjetische Gefangenschaft begibt.

Wie knapp die eigene Verwundung ausging und wie sich der Beschuss als 15-Jähriger anfühlte, schildert Reichmuth im Video mit deutlich mehr Details, als der Text hier wiedergeben kann.

Zusammenbruch: Kessel und Gefangennahme

In Potsdam löst sich die Offiziersschule praktisch auf, noch bevor der Unterricht beginnt. Reichmuth irrt in den letzten Apriltagen 1945 zwischen Potsdam, Berlin und Brandenburg an der Havel umher und versucht vergeblich, seine Eltern zu erreichen – die Mutter war nach Wildau bei Königs Wusterhausen evakuert, der Vater in der inzwischen zur Frontstadt gewordenen Heimatstadt Forst zum Volkssturm verpflichtet. In Berlin sieht er die ersten an Laternenpfählen aufgeknüpften Gehängten, mit Schildern wie „Ich bin Verräter“ oder „Vaterlandsverräter“ behängt.

Am 20./21. April 1945 schließt sich der Ring um Potsdam: Sowjetische Verbände aus dem Süden über Luckenwalde und Treuenbrietzen treffen bei Brandenburg auf die von Norden über Oranienburg vorstoßenden Kräfte. Reichmuth, jetzt mit Volkssturm-Kameraden nahe einem Kanal eingeschlossen, erhält am 23. April ersten Kontakt mit sowjetischen Vorausabteilungen und kämpft mit Panzerfaust und Gewehr weiter. An diesem Tag schlagen in seiner Nähe Granatwerfergeschosse ein – ein Klassenkamerad verschwindet dabei spurlos, bis heute, trotz Nachfragen seiner Familie beim Roten Kreuz, ohne jede Spur.

Nach tagelangen, munitionsarmen Gefechten versucht die kleine Gruppe in der Nacht zum 30. April den Ausbruch – ohne Erfolg. Am 1. Mai 1945 gerät Reichmuth in sowjetische Gefangenschaft: durchsucht, mit Kolbenschlägen malträtiert, zunächst in improvisierten Erdlöchern festgehalten. Unter den überwiegend betrunkenen Bewachern kommt es zu Plünderungen und Erschießungen; Reichmuth entgeht der gefährlichen Aufmerksamkeit nur mit Hilfe einer sowjetischen Sanitäterin, die ihn aus der bedrängten Menge herausdrängt.

Die letzten Kriegstage in und um Potsdam schildert das Video ausführlicher, inklusive der Umstände, unter denen Reichmuth den Kontakt zu seiner Familie damals verlor.

Sowjetische Kriegsgefangenschaft: Malaria, Lager und Bergbau

Über Sammellager in Dallgow-Döberitz und das Zementwerk Rüdersdorf, wo zeitweise 20.000 bis 25.000 Gefangene unter freiem Himmel hausen, beginnt ein Fußmarsch nach Strausberg und der Weitertransport in Güterwaggons – 18 Tage in überfüllten Waggons bis zu einem Lager nahe Wladimir, nach Reichmuths Erinnerung mehrere hundert Kilometer südöstlich von Moskau. In Waldgebieten hebt er Entwässerungsgräben aus und sticht Torf – dabei infiziert er sich mit einer in Russland verbreiteten Malaria-Form: wochenlange Fieberschübe von bis zu 40 Grad, gefolgt von Schüttelfrost, mit denen die mitgefangenen deutschen Lagerärzte zunächst wenig anfangen können.

Anfang 1948 wird er in ein Kohlerevier bei Stalinogorsk, dem heutigen Nowomoskowsk, verlegt, zur Untertagearbeit im Braunkohlebergbau bis in 100 Meter Tiefe – für den von der Malaria geschwächten Körper eine zusätzliche Belastung. Wassereinlagerungen zwingen ihn erneut ins Lazarett, mehrfach wird Flüssigkeit abpunktiert, eine Lungenentzündung droht. Erst ein Aufenthalt im Erholungslager, mit besserer Verpflegung, Vitaminen und aufmerksamer Pflege durch Krankenschwestern, bringt die Wende.

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ – so habe das Lagermotto gelautet, erinnert sich Reichmuth: Wer arbeitsunfähig war, bekam entsprechend wenig zu essen.

Im Herbst 1948 fällt bei einem Appell sein Name: „Reichmuth, Wolfgang Maximowitsch“ – nach russischer Sitte um den Vatersnamen ergänzt. Es ist die Nachricht der bevorstehenden Entlassung.

Die knapp vierjährige Gefangenschaft in der Sowjetunion – Lagerwechsel, Krankheit und Bergbau – schildert das Video in einem eigenen, deutlich ausführlicheren Erzählstrang.

Heimkehr und ein neues Leben

Nach der Ausstattung mit einer kaum passenden alten Wehrmachtsuniform geht es in offenen, diesmal unverschlossenen Waggons zunächst nach Brest, wo die Wagen auf europäische Normalspur umgesetzt werden, dann weiter nach Deutschland. Am 23. Oktober 1948 erreicht der Transport ein Entlassungslager; nach der politischen Überprüfung erhält Reichmuth Reisepapiere und 50 Reichsmark Entlassungsgeld. Wenige Tage später steht er unangemeldet bei seinen Eltern in Forst vor der Tür – der Vater sitzt gerade beim Mittagessen, Kürbissuppe, das erste Essen der Heimkehr.

Auf ein weiteres Schulleben hat Reichmuth keine Lust mehr. 1949 beginnt er als Reichsbahnhelfer im Grenzdienst in Forst, wechselt später zu einer internationalen Spedition in Cottbus, qualifiziert sich berufsbegleitend weiter und wird schließlich Niederlassungsleiter in Frankfurt (Oder) – zuständig unter anderem für den Lkw-Verkehr im DDR-Außenhandel. Nach 1989/90 übernimmt er, mit einer Abfindung ausgestattet, eine Position bei einer westdeutschen Spedition.

In den Jahrzehnten danach besucht Reichmuth mehrfach sein früheres Gefechtsfeld im Oderbruch, zunächst mit seinem in der DDR aufgewachsenen Sohn, später mit den Enkeln – auf dem Friedhof von Neulewin sucht er vergeblich nach den Gräbern gefallener Klassenkameraden. Erst um den 75. Jahrestag des Kriegsendes 2020 wächst nach seinen Worten das öffentliche Interesse an Berichten wie seinem spürbar.

„Das war ja doch verkehrt, woran du geglaubt hast – es war eigentlich schade.“

So fasst er im Rückblick die Kriegsbegeisterung seiner Jugend zusammen. Von den Verbrechen in den Konzentrationslagern, betont er, habe die Bevölkerung während des Krieges nichts gewusst: „Das haben wir alles erst richtig erfahren nach Kriegsende.“

Reichmuths Rückblick auf sein Leben nach 1948 und seine spätere Auseinandersetzung mit der eigenen Jugend ist im Video in voller Länge zu hören, inklusive der abschließenden Fragen der Redaktion.

Das vollständige Interview, Teil 1

W. Reichmuth Zeitzeugenbericht | Flaksoldat im Oderbrückenkopf 1945

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Alle Folgen dieser Serie

  1. 1W. Reichmuth Zeitzeugenbericht | Flaksoldat im Oderbrückenkopf 1945
  2. 2Zeitzeugenbericht | Flaksoldat an der Oder | W.Reichmuth berichtet über 1945 (2) Fortsetzung