Küstrin & Oderbruch · 1945

Zeitzeuge H. Zschech: Als Flaksoldat im Erdkampf um Küstrin 1945

Als junger Flaksoldat erlebt Herr Zschech den Erdkampf um die Festung Küstrin, einen nächtlichen Ausbruch über die Oder und das sowjetische Trommelfeuer vom 16. April 1945 vor dem Rückzug in amerikanische Gefangenschaft.

Der zweite Teil des Interviews mit Herrn Zschech setzt mitten im Erdkampf um die eingeschlossene Festung Küstrin ein: Aus der Schule an die Flak-Vierling, aus dem Schützengraben in einen nächtlichen Ausbruch über die Oder – und schließlich in das Trommelfeuer, mit dem am 16. April 1945 der sowjetische Großangriff auf die Seelower Höhen beginnt. Die Vorgeschichte – Kindheit, Hitlerjugend und der Weg zum Flakhelfer – ist bereits als eigener Artikel auf dieser Seite verfügbar.

Als Flaksoldat im Erdkampf um Küstrin

Ein Vierling im Graben statt am Himmel

Der Bericht setzt mitten im Häuserkampf um die eingeschlossene Festung Küstrin ein: Der Lauf eines Flak-Vierlings, von Handwerkern zuvor notdürftig auf ein Holzlager gebettet statt auf einer festen Lafette montiert, versagt im entscheidenden Moment. „Das war meine erste Bekanntschaft, die war hart“, erinnert sich Zschech an den Einstieg in den Erdkampf. Bei einem weiteren nächtlichen Einsatz muss er mit seinem Vierling eine Straße entlang zu einem Friedhof geschoben werden, um von dort sowjetisch besetzte Häuser zu beschießen – der Auftrag gelingt, bringt aber Ärger ein, weil einige Geschosse vorzeitig in einem Baum explodieren und dabei die Lage der eigenen Soldaten im Graben gefährden.

An der Hauptkampflinie erhält er den Auftrag, gemeinsam mit einem Kameraden nachts eine Stellung hinter einem von den Sowjets einsehbaren Bahndamm zu beziehen – Beobachtung und Feuer nur nachts, per Funk koordiniert. Im Winter bauen sie sich ein Erdloch, mit Stroh ausgelegt und einer schneebedeckten alten Tür getarnt. Zwei Nächte lang harren die beiden jungen Soldaten in klirrender Kälte aus. Als Zschech seinen Kameraden ablösen will und ihm dieser gerade entgegenkommt, schlägt nur fünf Meter entfernt eine Granate ein. Er selbst bleibt unverletzt, sein Kamerad wird durch zahlreiche Splitter schwer verwundet – er sieht ihn danach nicht wieder.

Die improvisierten Stellungen und den Alltag der jungen Flaksoldaten im Graben zeigt das Video mit weiteren Details aus dem Gespräch.

Ein Abschuss über Küstrin

„Ich denke, den habe ich geschafft“

Aus den umkämpften Ortsteilen Küstrins heraus ärgert sich Zschech tagelang darüber, dass sowjetische Tiefflieger und Jagdbomber die Stadt in aller Ruhe in geringer Höhe überfliegen und mit Maschinengewehren beschießen, ohne dass Gegenwehr erfolgt. Eines Tages besetzt er selbst mit zwei weiteren Mann eine Doppel-Flak, sitzt mittig an den Steuerrädern für Seite und Höhe, das Fadenkreuz vor sich. Als eine Gruppe Jagdbomber von links heranfliegt, bekommt er eine Maschine ins Fadenkreuz und feuert ein ganzes Magazin leer.

„Da gab es dann so eine mächtige Explosion und eine riesige Wolke – ich denke, den habe ich geschafft.“

Es ist sein letzter Einsatz an der Flak in Küstrin. Im Rückblick reflektiert er die Tötung nüchtern: „Krieg ist Krieg.“ Zugleich betont er, dass in Küstrin trotz mancher Verbrechen der Wehrmacht andernorts noch Ordnung und Disziplin herrschten – er selbst sieht dort drei gehängte deutsche Soldaten mit dem Schild „Ich habe geplündert“, ein für ihn erschütternder Anblick.

Den Luftkampf über Küstrin und die technischen Details der eingesetzten Flak erläutert das Video mit einer ausführlicheren Schilderung.

Ausbruch aus der Festung

In Socken über die Bahnbrücke

Ende März 1945 werden alle Soldaten unter 18 Jahren zum Sammeln vor einem bestimmten Gebäude befohlen – rund 30 „junge Burschen“, darunter Zschech mit seinen Kellerkameraden. Der Plan: ein nächtlicher Ausbruch aus der eingeschlossenen Festung Küstrin. Die Vorbereitung ist rigoros: keine Schuhe, nur Socken, kein Gewehr, kein Stahlhelm, keine Koppel – nichts, was klappern könnte. So überqueren sie einzeln eine Eisenbahnbrücke über die Oder, während die Wehrmacht mit einem Scheinangriff die Aufmerksamkeit der sowjetischen Bewacher ablenkt. Die gesamte Gruppe kommt durch, sammelt sich über Seelow in Müncheberg, von wo aus zehn Mann nach Beeskow-Storkow abkommandiert werden – die Strecke wird zu Fuß zurückgelegt. In Beeskow identifiziert Jahrzehnte später ein Ortsansässiger anhand eigener Fotografien aus jener Zeit, wo genau die Gruppe damals war.

Die Details des Ausbruchsplans über die Bahnbrücke schildert das Video mit dem vollständigen Wortlaut des Gesprächs.

Neuaufstellung und Stellung bei Altranft

Wieder am Vierling, diesmal im Oderbruch

In einer ehemaligen Luftwaffenkaserne am Stadtrand von Beeskow wird die Gruppe neu eingekleidet und rund drei Wochen lang erneut am Vierling ausgebildet, bis Anfang April. Danach geht es über die Oder nach Altranft, einem kleinen Dorf am Rande des Oderbruchs bei Bad Freienwalde. Dort wird das Geschütz in Stellung gebracht, und jeder erhält den Befehl, sich ein eigenes Erdloch zu graben – mit einem sowjetischen Großangriff wird gerechnet.

Die Neuaufstellung in Beeskow und den Weg nach Altranft zeigt das Video mit zusätzlichem Kartenmaterial.

Das Trommelfeuer vom 16. April

„Die schrecklichsten zwei Stunden meines Lebens“

Um vier Uhr morgens am 16. April 1945 beginnt jenes Trommelfeuer, mit dem der sowjetische Großangriff auf die Seelower Höhen einsetzt – die Hauptkampflinie an der Oder liegt nach Zschechs Schätzung rund 4,5 Kilometer entfernt, doch die Geschütze stehen unmittelbar hinter der eigenen Stellung. In seinem versetzt gegrabenen Erdloch – nur ein direkter Treffer wäre tödlich gewesen, alles andere ging über ihn hinweg – verbringt er nach eigenen Worten die schrecklichsten zwei Stunden seines Lebens.

„Du merkst, die Granateinschläge kommen immer näher, dann kriegst du Angst zusammen und betest und zitterst – bis du merkst, die Welle geht langsam weiter Richtung Westen.“

Ringsum heißt es, links und rechts sei der Russe durchgebrochen; einen sowjetischen Soldaten sieht er in dieser Zeit trotzdem nicht, nur Panzer. Den ersten russischen Soldaten sieht er erst später in Berlin, am Treptower Denkmal.

Die minutiöse Schilderung des Trommelfeuers und der eigenen Todesangst ist im Video in voller Länge zu hören.

Rückzug nach Westen und Gefangenschaft

Von Bad Freienwalde bis in die amerikanische Gefangenschaft

Nach dem Durchbruch zieht sich die gemischte Batterie – drei 8,8-cm-Geschütze plus Zschechs Vierling – über Bad Freienwalde in Etappen von 30 bis 50 Kilometern täglich nach Westen zurück, durch die Schorfheide bis Waren an der Müritz. Die eigene Feldküche geht dabei an die Sowjets verloren, die Versorgung muss aus geplünderten Depots erfolgen. Die sowjetischen Panzerspitzen bleiben dabei auffällig oft am Ortseingang stehen, ohne anzugreifen – auch die Rote Armee will kurz vor Kriegsende keine unnötigen Verluste mehr riskieren. Auf der Flucht nehmen die Männer zeitweise Flüchtlinge auf ihren Lastwagen mit.

Am 3. Mai 1945 gerät die Gruppe bei Schwerin in amerikanische Gefangenschaft – die Amerikaner feiern zu diesem Zeitpunkt bereits den Sieg. In einem riesigen Gefangenenlager auf freiem Feld, schätzungsweise 10.000 bis 15.000 deutsche Soldaten, verbringt Zschech vier bis fünf Tage ohne Verpflegung, Wasser oder Zeltschutz im Regen. Später wird er nach Schleswig-Holstein verschifft, in ein Lager mit rund 1,5 Millionen deutschen Soldaten. Weil unter 18-Jährige als Landarbeiter bevorzugt entlassen werden, gibt er diesen Beruf an und wird im Juli zum Arbeitseinsatz bei einem Bauern nahe Bremen entlassen. Als er im Herbst erfährt, dass seine Mutter noch lebt, überquert er im Dezember 1945 unerlaubt die Zonengrenze – dabei von sowjetischen Posten beinahe erschossen – und kehrt kurz vor Weihnachten 1945 zu seiner Familie zurück.

Die gesamte Rückzugsroute bis zur Heimkehr Ende 1945 zeichnet das Video mit weiterem Kartenmaterial und dem vollständigen Interview nach.

Das vollständige Interview im Video

1945 Krieg im Oderbruch - Flak im Erdkampf bei Küstrin und Rückzug von Oderfront bei Kriegsende

Auf YouTube ansehen →