Berlin & Küstrin · 1927–1945

Zeitzeuge H. Zschech: Vom Gymnasiasten zum Flaksoldaten an der Oderfront

Vom Berliner Gymnasium über mehrere Flakstellungen rund um Berlin bis zum ersten Fronteinsatz bei Küstrin – der Weg des Jahrgangs 1927 vom Schüler zum Soldaten, erzählt von Zeitzeuge H. Zschech.

Der erste Teil des Interviews mit Herrn Zschech beginnt in Hoyerswerda im Jahr 1927 und führt über eine Berliner Kindheit, die Hitlerjugend und den Einzug als Luftwaffenhelfer bis zum Januar 1945, als sein Jahrgang mit den Geschützen an die Oderfront bei Küstrin verlegt wird – und dort binnen weniger Tage seinen ersten Fronteinsatz erlebt. Die Fortsetzung, der Erdkampf um die Festung Küstrin, ist bereits als eigener Artikel auf dieser Seite verfügbar.

Kindheit in Hoyerswerda und Berlin

Ein früher Verlust, ein Umzug aus Not

Herr Zschech wird am 3. August 1927 in Hoyerswerda in der Oberlausitz geboren. Als er viereinhalb Jahre alt ist, wird sein Vater bei einer politisch aufgeladenen Auseinandersetzung innerhalb der Familie erstochen – der Schwager des Vaters, ein Nationalsozialist, gerät mit dem sozialdemokratischen Vater im Juni 1932 tödlich aneinander. Zschech selbst, damals vier Jahre alt, ist der einzige Zeuge der Tat und läuft schreiend davon. Seine Mutter, gelernte Damenschneiderin, wird später als Opfer des Faschismus anerkannt; von einer kargen Witwenrente und eigener Näharbeit lebt die kleine Familie zunächst in Hoyerswerda.

1937 zieht sie nach Berlin – ursprünglich nur für ein halbes Jahr geplant, doch als der Junge eine Freistelle auf einem humanistischen Gymnasium in Berlin-Schöneberg bekommt, bleibt die Mutter der Stadt „treu“, wie Zschech es nennt: Sie arbeitet fortan in einer Fabrik, um die Freistelle und die gemeinsame Wohnung zu finanzieren. Zum Vater und zu den politischen Verhältnissen jener Jahre herrscht zuhause striktes Schweigen – ein Umstand, den Zschech im Rückblick als „unerklärlich“ bezeichnet, weil er dadurch, wie er selbst sagt, völlig unpolitisch und kritiklos aufwuchs.

Die vollständige Familiengeschichte, einschließlich der Umstände rund um den Tod des Vaters, schildert das Video ausführlicher im Originalton des Interviews.

Hitlerjugend und Schulevakuierung

Wanderungen, Lagerfeuer – und wenig Politik

Zur Hitlerjugend kommt Zschech eher zufällig und unregelmäßig: Durch mehrere Umzüge innerhalb Berlins meldet er sich erst spät zum Dienst, wird zum Hordenführer befördert, empfindet die wöchentlichen Antretungen aber als lästige Pflicht. Als seine Klasse während des Krieges wegen der Bombenangriffe auf Berlin ins österreichische Millstatt am See in Kärnten evakuiert wird, verbringt er dort ein Dreivierteljahr mit Unterricht am Vormittag und HJ-Dienst am Nachmittag – für ihn vor allem eine Zeit der Klassengemeinschaft, mit Wanderungen, Zeltlagern und Liedern, „aber das hängt nicht mit der Hitlerjugend zusammen, sondern mit der Klassengemeinschaft“, wie er betont. Ein weiteres Vierteljahr verbringt die Klasse 1942 in einem Erntelager in Schlesien.

Die Zeit der Schulevakuierung in Kärnten und Schlesien zeigt das Video mit weiteren Details aus dem Gespräch.

Als Luftwaffenhelfer eingezogen

Der Jahrgang 1927 wandert von der Schulbank an die Kanone

1943 wird der gesamte Klassenverband des Jahrgangs 1927 als Luftwaffenhelfer eingezogen – ohne Musterung, ohne Diskussion. „Wir haben das hingenommen als eine notwendige Maßnahme des Staates“, erinnert sich Zschech, „wir haben den Befehl bekommen, das und das zu tun, und das haben wir zu leisten.“ Nach der Einkleidung in Berlin-Britz und einer kurzen Grundausbildung in einer ehemaligen Neuköllner Schule bezieht er seine erste Stellung am Fuß des heutigen Trümmerbergs Insulaner in Berlin-Schöneberg, an einer 3,7-cm-Flugabwehrkanone. Dort erlebt er am 23. August 1943 den ersten schweren Bombenangriff auf Berlin hautnah mit – Leuchtraketen der ersten feindlichen Maschine markieren das Abwurfgebiet, in der Nachbarschaft am Grazer Damm stürzen Häuser ein.

Es folgen mehrere Versetzungen an verschiedene Berliner Stellungen: Flugplatz Tempelhof (10,5-cm-Batterie, Dienst am Funkmessgerät statt am Geschütz selbst, da die Granaten für Jugendliche zu schwer sind), Flugplatz Tegel (8,8-cm-Kanone), Finkenkrug und Marwitz. Die längste Station ist Neuruppin, wo Zschechs Einheit von spätem Frühjahr 1944 bis zur Jahreswende 1944/45 einen getarnten Ausweichflugplatz der Luftwaffe im Wald bei Gentzrode mit einem 2-cm-Vierling sichert – ein Einsatz ohne feindliche Tiefflieger, da die amerikanischen Jäger zu dieser Zeit noch nicht bis Berlin vordringen können.

Die einzelnen Berliner Flakstellungen zwischen 1943 und 1944 ordnet das Video zusätzlich anhand von Kartenmaterial ein.

Vereidigung und Marschbefehl an die Ostfront

Vom Helfer zum vollwertigen Soldaten

Zur Jahreswende 1944/45 wird Zschech, inzwischen zum Luftwaffen-Oberhelfer befördert, als Letzter seines Jahrgangs – die übrigen Klassenkameraden sind längst zum Reichsarbeitsdienst abkommandiert – vereidigt: Karabiner, Soldbuch, der Eid auf „Führer, Volk und Vaterland“. Aus dem Luftwaffenhelfer, der bislang nur „Soldat-mäßig“ untergebracht war, ist damit ein regulärer Soldat der deutschen Wehrmacht geworden. Anfang Januar 1945 werden die Geschütze der Einheit auf Güterwagen verladen; der Zug rollt tagelang mit häufigem Halt in Richtung Osten.

Die Vereidigungszeremonie in Neuruppin schildert das Video mit dem vollständigen Wortlaut des Gesprächs.

Ankunft in der Festung Küstrin

Eine Panzerfaust, die er noch nie in der Hand hatte

Hinter Frankfurt (Oder) hört die Kolonne plötzlich schweren Geschützdonner – der vorausfahrende Zug ist beschossen worden, der eigene Transport wird nach Küstrin umgeleitet. Kaum angekommen, rennt ein Offizier heran und drückt Zschech eine Panzerfaust in die Hand, die er zuvor noch nie benutzt hat: Sowjetische Panzerspitzen stünden unmittelbar vor der Stadt. In einem Straßengraben liegend wartet er auf einen Panzer, der nicht kommt. Die Einheit bezieht schließlich Quartier in einem der wenigen bis heute erhaltenen Mehrfamilienhäuser am Stadtrand Küstrins, keine 800 Meter hinter der Hauptkampflinie.

Wenig später erlebt Zschech seinen ersten eigentlichen Fronteinsatz: Mit einem 2-cm-Vierling soll er von einem Schützengraben aus einen deutschen Vorstoß gegen eine sowjetische Stellung absichern. Als sein Geschütz im entscheidenden Moment eine Ladehemmung hat, eröffnen die Sowjets ein Feuerwerk aus Granaten auf die Stellung – „die erste Stunde meines Lebens, in der ich regelrecht beschossen wurde“, erinnert er sich. Sein Kamerad neben ihm wird von Granatsplittern im Rücken getroffen und verliert das Gefühl in beiden Füßen; Zschech schleppt ihn unter weiterem Beschuss zurück zu einem Verwundetensammelplatz. Er sieht ihn danach nie wieder.

Die Ankunft in Küstrin und den ersten Fronteinsatz im Schützengraben schildert das Video in voller Länge – der zweite Teil des Interviews, bereits als eigener Artikel auf dieser Seite, führt die Geschichte im Erdkampf um die Festung Küstrin fort.

Das vollständige Interview im Video

kleine Buben gegen Bomber - in Berlin, Küstrin und Oderfront - als Schüler, Flakhelfer u. Flaksoldat

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